Doktorandenförderung in der Informatik:

Vom Klassenzimmer in der Pfalz in die Weiten Arizonas

Von Unispectrum live • Melanie Löw
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Ob Daten zu Erdbeben, zum Klima oder zur Stadtentwicklung – an der TU Kaiserslautern haben Informatik-Doktoranden vor ein paar Jahren im ersten internationalen Graduiertenkolleg Deutschlands daran geforscht, diese Daten visuell aufzubereiten. Eine von ihnen war Kathrin Feige. Die Geografie-Lehrerin kam erst über Umwege zu ihrer Promotion in der Informatik.

Das Leben verläuft meist anders als geplant: Ganz besonders trifft diese Weisheit auf Kathrin Feige  zu. Die junge Frau studierte Geografie und Germanistik auf Lehramt in Trier. Der Liebe wegen zog sie anschließend nach Kaiserslautern. Hier sollte sie nur kurz als Lehrerin an einer Schule arbeiten. Denn es kam anders: Eine Promotion im ersten internationalen Graduiertenkolleg Deutschlands – angesiedelt im Fachbereich Informatik bei Professor Hans Hagen an der TU Kaiserslautern. Wie der Zufall es wollte, kam sie beim Sommerfest des Asta im Jahr 2011 auf dem Campus der TU mit dem Informatik-Professor ins Gespräch. Aus einer Laune heraus fragte sie ihn, ob er nicht eine Geografin gebrauchen könne. Wie sich etwas später herausstellen sollte, war dies tatsächlich der Fall.

Zu dieser Zeit betreute Hagen bereits die Doktorandinnen und Doktoranden des Graduiertenkollegs „Visualization of Large and Unstructured Data Sets: Applications in Geospatial Planning, Modelling and Engineering“. Das Programm wurde im Jahr 2005 aus der Taufe gehoben und war damals das bundesweit erste Graduiertenkolleg, bei dem Forscherkollegen aus einem anderen Land beteiligt waren. Das Team um Hagen arbeitete eng mit Wissenschaftlern der University of California, der University of Utah und der Arizona State University zusammen. „Wir wollten große unstrukturierte Datenmengen visualisieren, wie sie beispielsweise Satellitenbilder oder Seismografen liefern“, so Professor Hagen. „Dabei ging es unter anderem darum, Erdbeben besser vorherzusagen oder neue Stadtteile ökologisch sinnvoll und nach klimatischen Aspekten zu bauen.“

Und hier kommt Feige ins Spiel: Die studierte Geografin kannte sich aus, wenn es darum ging, Klimadaten auszuwerten. „Ich habe in Trier als studentische Hilfskraft in der Umweltmeteorologie gearbeitet“, so Feige. „Die Arbeit in der Forschung hat mir dort schon Spaß gemacht.“

Zurück zum Sommerfest: Hagen bat Feige um ihren Lebenslauf. „Danach habe ich erst einmal nichts gehört und auch nicht daran gedacht, dass es etwas werden würde“, erinnert sich die Forscherin. Doch Hagen erkannte das Potential der jungen Frau und lud sie zu einem Vorstellungsgespräch ein. „Zu diesem Zeitpunkt hatte unsere Kollegin Ariane Middel aus Arizona Hilfe dabei gebraucht, eine Reihe von Simulationen aufzusetzen, um Erkenntnisse über den mikroklimatischen Einfluss verschiedener Bebauungsdichten zu gewinnen“, berichtet Hagen.

Für Feige war die Entscheidung, eine Promotion an der TU – und das in der Informatik – zu beginnen, ein Sprung ins kalte Wasser. „Ich hatte nur einmal mit Ariane Middel telefoniert. Die Chemie stimmte, das habe ich gleich gemerkt“, erinnert sie sich. So kündigte sie ihre Stelle an der Schule und flog im November 2011 erst einmal für einen Monat nach Arizona, um sich mit ihren künftigen Aufgaben vertraut zu machen. „Kathrin Feige war zunächst Promotionsstudentin mit Auflagen“, erzählt Hagen. „Sie musste noch Mastervorlesungen in Informatik besuchen und den Stoff nacharbeiten.“ Es sei eine harte Zeit gewesen, ergänzt Feige, in der sie so viel gelernt habe wie nie zuvor. Letztendlich habe sich die Mühe aber gelohnt.

In ihrer Arbeit hat die damalige Doktorandin ein prototypisches System entwickelt, mit dem sie mobile Messdaten visualisieren kann. Sie beschäftigte sich auch mit möglichen Fehlerquellen bei solchen Messungen. „Bei Sensoren, die zum Beispiel Temperaturen oder die Luftfeuchtigkeit nacheinander an verschiedenen Orten messen, kann es zu Trägheitseffekten kommen. Sie brauchen in der Regel etwas Zeit, bis sie sich an die neuen Bedingungen angepasst haben und die richtigen Werte an einem neuen Ort anzeigen“, erklärt Feige. „In der Folge kann es zu falschen Messdaten kommen.“ Mit einem Verfahren, das die Informatikerin für den speziellen Fall mobiler Messungen im städtischen Umfeld überprüft und verbessert hat, können solche Trägheitseffekte berücksichtigt und herausgefiltert werden.

© TU Kaiserslautern

Insgesamt haben 52 Doktorandinnen und Doktoranden das damalige Graduiertenkolleg an der TU durchlaufen.

Professor Hans Hagen

„Insgesamt haben 52 Doktorandinnen und Doktoranden das damalige Graduiertenkolleg an der TU durchlaufen. 60 Prozent der Absolventen haben eine leitende Position in der Industrie und 34 meiner Absolventen, die zu dieser Zeit oder zuvor bei mir geforscht haben, haben mittlerweile eine eigene Professur“, sagt Hagen nicht ganz ohne Stolz. „Das Kolleg hat dabei einen ganz wesentlichen Beitrag geleistet.“ Es hat nicht nur geholfen, die Promotion zu strukturieren, sondern tendenziell auch zu verkürzen. „Außerdem sah das Programm drei Auslandsaufenthalte von jeweils drei Monaten vor“, so Hagen weiter. Das Graduiertenkolleg lief über neun Jahre und wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, amerikanischen Forschungseinrichtungen, dem Land Rheinland-Pfalz, dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, dem Fraunhofer-Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik ITWM, dem Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE sowie weiteren Industriepartnern gefördert. Es ist Ende 2013 ausgelaufen.

War das internationale Graduiertenkolleg vor ein paar Jahren eine Neuerung, gibt es mittlerweile zwei weitere internationale Kollegs an der TU: So forscht der wissenschaftliche Nachwuchs bei Professor Dr. Ekkehard Neuhaus in der Biologie gemeinsam mit Kollegen der Saar-Uni und dem kanadischen Edmonton daran, welche Rolle Membranproteine bei der Entstehung von Krankheiten spielen. Unter der Leitung von Professor Jan Aurich untersuchen Maschinenbauer, Informatiker und Physiker, wie Produktionsprozesse unter Einbeziehung physikalischer Eigenschaften und computergestützter Modelle besser geplant und optimiert werden können. 

Kathrin Feige ist der TU nach ihrer Promotion treu geblieben: Sie forscht weiterhin im Team von Professor Hagen und reist regelmäßig für ihre Arbeit nach Arizona. Ihre Entscheidung, beruflich einen neuen Weg einzuschlagen, hat sie keine Minute bereut.

 

Im Titelfoto zu sehen: Kathrin Feige bei einer Videokonferenz mit ihrer Kollegin Ariane Middel aus Arizona.

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Erstellt
am 07.09.2016 von
Melanie Löw

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