© Carolin Müller
Zum Praktikum nach Südamerika:

Über Honiginsel, Tafelberg und das brasilianische Lebensgefühl

Von Unispectrum live
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Für ein halbes Jahr nach Brasilien gehen mit nur ein paar Brocken Portugiesisch im Gepäck? Carolin Müller hat den Sprung ins kalte Wasser gewagt. Die 26-jährige Studentin machte in Curitiba, einer Stadt im Süden des Landes, ein Praktikum beim Technikkonzern Bosch und besuchte die dortige Universität. Ihr Fazit: Sie hat es keine Minute bereut.

Eines Tages für ein Praktikum nach Südamerika zu reisen, hatte Carolin Müller nicht geplant. Der Studentin hat hierbei der Zufall auf die Sprünge geholfen. Müller studiert im 4. Semester des Masterstudiengangs Wirtschaftsingenieurwesen im Fachbereich Chemie. Während ihres Bachelorstudiums hatte die junge Frau ein Praktikum bei der Robert Bosch GmbH in Homburg absolviert, wo sie im Anschluss als Werkstudentin übernommen wurde. „Ich habe dort die innerbetrieblichen Prozesse optimiert, unter anderem habe ich daran gearbeitet, die Verpackungsarbeitsplätze zu verbessern“, so Müller, die zum Studium von Bonn nach Kaiserslautern gezogen war. Als eines Tages eine Delegation aus dem brasilianischen Werk zu Gast in Deutschland war, kam die Studentin mit den Kollegen ins Gespräch. „Sie waren auch auf der Suche nach jemandem, der ihnen helfen kann, die Abläufe in ihrem Verpackungsbereich zu verbessern. Daher boten sie mir an, für ein paar Monate nach Brasilien zu kommen.“

Müller musste nicht lange überlegen. Schnell traf sie die Entscheidung: „Ich mache das.“ Bis sie allerdings im Flieger nach Südamerika sitzen sollte, galt es noch einige bürokratische Hürden zu überwinden und Formalien zu regeln. Aber dann war es soweit: Ende Januar 2016 stieg sie ins Flugzeug, um ans andere Ende der Welt zu reisen. Curitiba liegt im Süden Brasiliens. Mit rund 1,8 Millionen Einwohnern ist es die 8. größte Stadt des Landes. „Sie ist sehr europäisch. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind zum Beispiel viele Deutsche in die Gegend ausgewandert“, sagt sie.

Über die Online-Unterkunftsvermittlung Airbnb fand Müller eine Wohngemeinschaft, in der sie für den ersten Teil ihres Aufenthalts unterkam. Später wechselte sie noch einmal ihre Bleibe. „Die Gelegenheit bot sich, noch etwas Neues kennenzulernen.“

„Die Wohnung lag in einer guten Wohngegend zwischen dem Werk und der Universität“, erzählt sie. Am ersten Tag wurde sie von einem Trainee von Bosch zur Arbeit gebracht. Später fuhr sie mit einem Firmenbus, der jeden Tag die Mitarbeiter einsammelt und zum Werk bringt. „Es gab keine Gleitzeit, ich musste immer pünktlich bei der Arbeit sein“, erinnert sie sich. So hieß es für sie von acht bis 15 Uhr zu arbeiten und anschließend ein- bis zweimal in der Woche zur Universität zu fahren, wo sie unter anderem eine Vorlesung besuchte. „Das machen alle Brasilianer, die studieren, so.“ Als Teil der Vorlesung unterstützte sie zum Beispiel die Entwicklung eines Marketing-Konzepts für eine Tankstelle. „Ich konnte hier meine Erfahrungen aus dem Studium einbringen und zusammen haben wir untersucht, wie man das Marketing der Tankstelle verbessern könnte.“

Zunächst war die Sprache für sie noch ein Problem. „Den Professor habe ich in den ersten Stunden überhaupt nicht verstanden“, erinnert sie sich. In Kaiserslautern hatte sie zwar noch einen Sprachkurs besucht, um die Grundlagen der portugiesischen Sprache zu erlernen. „Im brasilianischen Alltag war es aber etwas ganz anderes, die Wörter zu verstehen.“ Dies änderte sich jedoch schnell und bald stellte das Portugiesische für sie keine Barriere mehr dar.

Die Kaiserslauterer Studentin ist in Brasilien sehr nett aufgenommen worden. „Die Südamerikaner haben alle ein fröhliches Wesen und sind sehr kommunikativ. Sowohl im Werk als auch an der Uni waren alle sehr hilfsbereit, jeder hatte ein offenes Ohr“, so Müller weiter.

Während ihres Aufenthalts hatte die junge Frau auch Gelegenheit, durchs Land zu reisen. Sie besichtigte unter anderem die Millionenmetropolen Rio de Janeiro, Salvador und São Paulo. Per Boot ging es außerdem auf die Ilha do Mel – die Honiginsel. Sie liegt rund 115 Kilometer vor der Küste Südbrasiliens. Der Großteil der Insel steht unter Naturschutz. Viele vom Aussterben bedrohte Tierarten sind hier heimisch. Bekannt ist das Eiland außerdem für seine verlassenen Sandstrände. „Viele Menschen haben nicht verstanden, wie eine Frau alleine durch das Land reisen kann“, sagt sie mit einem Lachen. Sicherheit ist in Brasilien ein großes Thema. Viele sind schon Opfer von Raubüberfällen geworden. Auch Müller selbst hat mitbekommen, wie ein Mann an einer S-Bahnhaltestelle ausgeraubt worden ist. „Das gehört dort zum Alltag. Man muss das alles mit gesundem Menschenverstand angehen und nicht verängstigt durch die Straßen laufen.“ Das ein oder andere Mal war sie auch mit drei Brasilianern unterwegs. „Sie waren zuvor zu Gast an der TU Kaiserslautern“, erzählt sie „Wir haben uns regelmäßig getroffen und konnten dabei auch unsere Sprachkenntnisse verbessern.“

Das ist eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Carolin Müller

In ganz besonderer Erinnerung wird ihr eine geführte Wandertour zum Tafelberg Roraima bleiben. Er liegt im Dreiländereck von Brasilien, Venezuela und Guyana im Nationalpark Canaima. Die meisten Tiere und Pflanzen, die hier leben, sind nur auf dem Hochplateau heimisch. Arthur Conan Doyles Roman „Die verlorene Welt“ geht auf Berichte des Südamerika-Forschers Sir Robert Herman Schomburgk zurück, der über den Tafelberg zahlreiche Berichte verfasste. „Das war ein einmaliges Erlebnis. Wir sind dort an zehn Tagen rund 100 Kilometer gelaufen.“

Wieder zurück in Deutschland schreibt Müller im Moment an ihrer Masterarbeit bei Professor Dr. Michael Hassemer am Lehrstuhl für Zivilrecht, Wirtschaftsrecht, Geistiges Eigentum. Im Februar möchte sie die Arbeit abgeben und ihr Studium abschließen. Bei der Suche nach einem Job wird ihr das Praktikum in Brasilien sicherlich helfen. „Das ist eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Auch wenn man davor hartnäckig bleiben muss, um alle notwendigen Unterlagen zu erhalten“, so Müller rückblickend. „Ich kann jedem nur empfehlen, den Schritt zu wagen.“

Bild des Benutzers Melanie Löw
Erstellt
am 25.01.2017 von
Melanie Löw

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