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Projekt ELiS

Lehramtsstudierende engagieren sich ehrenamtlich in Schulen

Von Unispectrum live
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Im Projekt „Ehrenamtliche Tätigkeit von Lehramtsstudierenden in Schulen“ (ELiS) des Zentrums für Lehrerbildung (ZfL) bieten Lehramtsstudierende an Schulen in Kaiserslautern Begleitmaßnahmen für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund an. Bisher findet die Unterstützung in Form von AG-Angeboten statt, zukünftig sind auch Tätigkeiten als Teamteacher oder Assistenz im Deutschkurs geplant. ELiS möchte dabei die Grundlagen für eine erfolgreiche Teilhabe an Schule und Unterricht schaffen. Antonia Bauschke vom ZfL hat mit zwei Lehramtsstudentinnen über ihre Erfahrungen bei ELiS gesprochen.

Antonia Bauschke: Was hat Sie motiviert, bei dem Projekt mitzumachen?
Jennifer Kleinschmidt: Also ich habe mich eigentlich immer schon ehrenamtlich engagiert und wollte nun ein bisschen den Eindruck von einem wirklichen Schulalltag kriegen. Ich dachte, das ist eine ganz gute Gelegenheit das auszuprobieren, weil ich in diesem Semester ein bisschen Zeit hatte und da wollte ich einfach mal schauen, was auf mich zukommt.
Lena Landoll: Für mich war es hauptsächlich die fehlende Erfahrung, weil man im Bachelor nur zwei orientierende Praktika und ein vertiefendes Praktikum hat. Man steht sehr wenig vor Schülern und kann sich selbst wenig erproben. Da mir die Erfahrung gefehlt hat, die manche im Lehramt schon haben, habe ich gedacht, das ist eine tolle Gelegenheit für mich das Ganze in einem kleineren Rahmen auszuprobieren.

Antonia Bauschke: Was für eine AG haben Sie an der Schule angeboten?
Jennifer Kleinschmidt: Mit zwei anderen Ehrenamtlichen habe ich eine Koch-AG angeboten. Die Kinder durften dabei ihre Wünsche äußern und es wurden auch regionale Gerichte wie z.B. Spargel, Kartoffeln oder Erdbeermarmelade gekocht. Einmal habe ich auch Döner mit ihnen selbst gemacht.
Lena Landoll: Unsere AG hatte keinen spezifischen Namen, wir haben ein bisschen von allem gemacht, z.B. haben wir mit den Kindern viel gebastelt und Spiele gespielt, je nachdem, was sie machen wollten.

Antonia Bauschke: Wie alt waren die Teilnehmer und aus welchen Herkunftsländern kamen sie?
Jennifer Kleinschmidt: Die Bandbreite war recht groß. Der Jüngste war, glaube ich, 11 und die Älteste ist jetzt 18 geworden. Die meisten waren eher aus dem arabischen Raum. Wir hatten allerdings bis Mai auch eine Teilnehmerin aus Polen. Im Prinzip hatten aber alle das gleiche Problem, dass sie erst mal Deutsch lernen müssen.
Lena Landoll: Bei uns waren am Anfang sehr viele Jüngere und immer ein paar Acht- und Neuntklässler dabei. In einer Übergangsphase hatten wir zwei Fünftklässler und noch ein paar Neuntklässler. Das war sehr schwierig, weil was den Kleinen Spaß macht, gefällt den Großen nicht und umgekehrt. Wir haben deshalb mit der Schule gesprochen und sie hat uns eine Gruppe zusammengestellt, in der dann Sechst- und Siebtklässler und eine Achtklässlerin waren. Ich glaube zwei Teilnehmer waren dabei aus Polen und es waren auch ein paar Syrier da. Aber unter den Flüchtlingskindern gibt es sowieso eine stärkere Gemeinschaft, egal aus welchem Land sie kommen, sie treffen sich mittags privat, also da ist eigentlich die Herkunft fast schon ein bisschen egal.

Antonia Bauschke: Was war denn das schönste Erlebnis, das Sie in der Zeit hatten?
Jennifer Kleinschmidt: Ich hatte einmal aufgrund von Krankheitsfällen nur drei Mädchen in der AG und dadurch sind sie ein bisschen aufgeblüht. Sie haben mir dann etwas von sich erzählt, z.B. was sie für Hobbies haben oder wie sie mit ihren Geschwistern spielen. Es war sehr schön zu sehen, dass sie auch mal runtergekommen sind und von sich aus erzählt haben und nicht nur miteinander arabisch gesprochen haben, sondern sich wirklich ein bisschen näher kennengelernt haben. Das war sehr schön.
Lena Landoll: Ich glaube das war vor den Osterferien, da haben wir Waffeln gebacken. An dem Tag waren nur acht Schüler da, vier Mädchen und vier Jungen, und alle waren total begeistert. Die Jungs wollten dann zeigen, dass sie auch Waffeln backen können und das war einfach eine gute Atmosphäre. Sie haben sich total über die Waffeln gefreut und es hat Spaß gemacht, das war toll.

Antonia Bauschke: Gibt es Erlebnisse, die Sie beeindruckt oder überrascht haben?
Jennifer Kleinschmidt: Ja auf jeden Fall die Kochmentalität. Viele Jungs kannten das Spülen oder ähnliches gar nicht. Da traf dieses Klischee, dass es Frauenarbeit ist, vollkommen zu. Aber wenn man ihnen gesagt hat, ‚Du machst das jetzt oder du kommst nicht wieder‘, dann haben sie es auch gemacht.
Lena Landoll: In meinen schulischen Praktika war es in den niedrigen Stufen oft sehr chaotisch, laut und anstrengend. Obwohl wir in der AG auch manchmal 20 Personen hatten, was ja schon nah an einer Schulklasse ist, haben sich die Kinder relativ gut benommen. Also sie haben versucht zu hören, wenn man ihnen etwas gesagt hat und wenn z.B. beim Basteln etwas geklappt hat, haben sie sich total gefreut. Man hat einfach gesehen, dass es angenommen wird. Das war schön.

Antonia Bauschke: Gab es denn Probleme mit der Sprache, also sich zu verständigen, und wenn ja, wie haben Sie das gelöst?
Jennifer Kleinschmidt: Die Teilnehmer waren eigentlich schon im fortgeschrittenen Deutschkurs, so dass man sich überwiegend verständigen konnte. Es gab wohl in einer anderen AG Teilnehmer, die noch nicht im fortgeschrittenen Deutschkurs waren, da war es dann mit Hand und Fuß möglich, sich zu verständigen oder auch über Bilder. Ich hatte z.B. ein Erlebnis mit einem Kind, das mir erzählen wollte, was für ein Haustier es in Syrien hatte. Das ging aber nicht, weil es das Wort nicht auf Deutsch kannte. Dann ist es mit mir durch die halbe Schule gelaufen und hat mir in einem Schaukasten eine Schildkröte gezeigt. Man hat sich schon immer irgendwie verständigen können. Man muss nur darauf aufpassen, sobald sie untereinander reden, verfallen sie sofort wieder in ihre Muttersprache.
Lena Landoll: Also wir hatten insgesamt relativ viele Kinder, die schon gut Deutsch konnten. Am Anfang gab es aber noch ein paar, die fast nicht sprechen konnten. Meistens war allerdings noch jemand dabei, der die Sprache gesprochen hat und ein bisschen übersetzt hat. Das hat eigentlich gut funktioniert. Der Raum, in dem wir waren, war außerdem mit Wörterbüchern für viele Sprachen und Bildtafeln ausgestattet, so dass man sich zur Not hätte behelfen können. Zum Schluss hatten wir z.B. ein Mädchen, das fast nicht sprechen konnte und eigentlich sollte ein anderes Mädchen dabei sein, das übersetzen konnte, das war aber zweimal krank und da haben wir uns mit Händen und Füßen geholfen. Wir haben dann mit ihr Brettspiele gespielt, denn solche Sachen gehen auch teilweise ohne Sprache.

Antonia Bauschke: Wenn Sie jetzt an Ihre zukünftige Tätigkeit als Lehrerin denken, gibt es da Erfahrungen, die Sie in der AG gesammelt haben, die Sie später verwenden können?
Jennifer Kleinschmidt: Auf jeden Fall. Es ist zwar eine kleine Gruppe gewesen mit 8 bis 10 Kindern, aber - das klingt jetzt vielleicht ein bisschen komisch - sie sind schon ein bisschen extremer, also sie sind auch schwieriger ruhig zu kriegen. Oder wenn sie nur arabisch reden, dann kriegt man ja nicht mit, was sie zueinander sagen und dann verpasst man schon mal einen Streit. Man lernt auf jeden Fall, sich selbst zu organisieren und sich durchzusetzen. Also wer Probleme mit Autorität in der Klasse hat, dem kann ich das nur wärmstens empfehlen, weil man sich auch wirklich mal ausprobieren kann.
Lena Landoll: Ja, alleine schon die Erfahrung, ich stehe vor Kindern, bin verantwortlich für sie und erlebe Situationen, in denen ich auch mal zur Ordnung rufen muss. Wie reagieren die Kinder auf mich, schaffe ich es da Autorität auszustrahlen? Solche Erfahrungen kann man auf jeden Fall machen. Wir sind manchmal mit den Kindern rausgegangen, da muss man dann ein paar Sachen beachten und sich Gedanken machen. Das sind Gedanken, die man, denke ich, später im Lehrerberuf auch hat. Genauso wie das Vorbereiten, also sich zu überlegen, was mache ich jetzt. Was mache ich, auch wenn ich nicht weiß, wer kommt oder wie alt die Kinder sind? Einfach diese Flexibilität. Das war nicht einfach, aber ich denke, wenn man das übt, hat man es nachher einfacher.

Antonia Bauschke: Gibt es denn noch etwas, was Sie gerne zu dem Projekt sagen möchten?
Jennifer Kleinschmidt: Also noch eine Sache. Das Ganze ist vielleicht auf den ersten Blick ein bisschen chaotisch. Man braucht schon einen langen Atem bis es wirklich funktioniert, aber es ist auf jeden Fall lohnenswert. Die Schulen sind total zuvorkommend, sehr flexibel und unterstützen einen auch gut. Und es macht eben gerade für Lehramtsstudenten Spaß mal einen Einblick in die Berufspraxis zu bekommen.
Lena Landoll: Mich würde es auf jeden Fall freuen, wenn das Projekt hier an der Uni größer Fuß fassen könnte. Ich denke, es ist eine gute Sache für die Studenten und für die Schulen, weil die Schulen sich über die Unterstützung und die Abwechslung für die Kinder freuen. Und super ist es auch für Studenten, denen die Erfahrung fehlt und die sich mal ein bisschen Verantwortung zutrauen wollen.
Antonia Bauschke: Dann vielen Dank für das Gespräch.
Jennifer Kleinschmidt: Bitte, gerne.
Lena Landoll: Gerne.

Mehr Informationen zu ELiS finden Sie unter: http://www.uni-kl.de/zfl/zfl-projekte/elis/

Bild des Benutzers Antonia Bauschke
Erstellt
am 13.09.2016 von
Antonia Bauschke