Vom 4.0-Keks bis zum 4.0-Auto:
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Die Fabrikhallen im Wandel

Wie sehen die Werkshallen von morgen aus? Welche Techniken kommen dabei zum Einsatz? Wie wird sich der Arbeitsalltag verändern? Mit solchen Fragen befassen sich Kaiserslauterer Forscher um Professor Dr. Detlef Zühlke in der Technologie-Initiative SmartFactory-KL. Der Professor und sein Team sind bundesweit gefragte Experten, wenn es um die Industrie 4.0 geht.

Von Unispectrum live • Melanie Löw

Produkte, die ihre Herstellung selber steuern und überwachen; Facharbeiter, die per Smartphone informiert werden, wenn eine Maschine in der Produktion Probleme hat; Datenbrillen, die bei der Montage von Fahrzeugen zum Einsatz kommen und anzeigen, wo die Bauteile eingebaut werden sollen. – So sieht sie aus: die schöne neue Welt der Zukunft der Fabrikhallen, in denen alles mit allem vernetzt ist. Bis die Industrie 4.0 jedoch in allen Unternehmen Wirklichkeit ist, ist es noch ein langer Weg.

Wenn es nach dem Willen der Bundesregierung geht, soll sich dieser Wandel in den Werkshallen in Deutschland schnell vollziehen. Um den Anschluss nicht zu verpassen, möglichst rasch. „Noch ist Deutschland in Sachen Automatisierungstechnik Marktführer, gemeinsam mit Japan, das allerdings durch den Tsunami im Jahr 2011 wirtschaftliche Einbußen hinnehmen musste“, sagt Professor Zühlke, der die Ideenschmiede SmartFactory-KL leitet.

Und hier kommt das Team um Zühlke mit seinem Know-how zum Zuge. Zühlke zählt zu den Pionieren der Industrie 4.0: Schon in seiner Promotion zu Beginn der 1980er Jahre hat er sich damit beschäftigt, Roboter in Werkzeugmaschinen zu programmieren. Gemeinsam mit seinen 60 Mitarbeitern schaut er sich beispielsweise einzelne Produktionsstätten in Unternehmen an und hilft dabei, sie zukunftsfähig zu machen.

Mit jeder Neuerung, an der wir arbeiten, entstehen Fragen, die wir erst klären müssen.

Professor Detlef Zühlke

Das Kompetenzzentrum Smart Factory wurde im Jahr 2005 als Verein gegründet. Mittlerweile zählen 47 Unternehmen wie IBM, SAP, Siemens, Festo oder Bosch Rexroth und fünf Forschungseinrichtungen wie die schwedische Universität Lund, die TU Kaiserslautern und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) dazu. Sie alle sind interessiert an den Ideen der Denkfabrik, auch Unternehmen aus den USA und Südkorea schätzen die Kompetenz der Kaiserslauterer Forscher. Zühlkes Rat ist gefragt – etwa bei der rheinlandpfälzischen Ministerpräsidenten Malu Dreyer und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Der Kaiserlauterer Professor sitzt in zahlreichen Gremien als Beirat oder Vorsitzender. Erst kürzlich hat die neue US-amerikanische Fachzeitschrift „Smart Manufacturing Magazine” in ihrer ersten Ausgabe die 30 führenden Denker und Macher der Industrie 4.0 und Smart Factory gekürt: Darunter auch Zühlke. Aber nicht nur Großkonzerne, sondern auch der Mittelstand wird in der Smart Factory unterstützt, denn, „er ist das Rückgrat unserer Wirtschaft“, so Zühlke, der gerade erst von einem dreieinhalb wöchigen Aufenthalt aus den USA zurückgekommen ist, wo es auch wieder um die Fabrik der Zukunft ging.

„Mit jeder Neuerung, an der wir arbeiten, entstehen Fragen, die wir erst klären müssen“, so Zühlke weiter, der noch eine Professur an der TU Kaiserlautern innehat und wissenschaftlicher Direktor am DFKI ist. Zum Beispiel herrsche in juristischen Punkten oft noch Unklarheit. Wer haftet im Schadensfall, wenn große Produktionsstätten aus Modulen zusammengesetzt sind? Der einzelne Modulbauer oder die komplette Fabrik? Auf solche Fragen sei die jetzige Industrie noch nicht vorbereitet. Außerdem müssen die Fachkräfte in den Fabriken von morgen entsprechend geschult werden, um mit der neuen Technik umzugehen. Auch um diese beiden Punkte macht sich das Team um Zühlke bereits Gedanken.

In der Smart Factory, die ihren Sitz am DFKI in Kaiserslautern hat, steht eine Industrie 4.0.-Anlage und weitere Pilotanlagen, mit denen die Ingenieure ihre Technik weiterentwickeln und Produktionsabläufe smarter machen können. „Künftig möchten Unternehmen nicht mehr nur von einem Anbieter abhängig sein. So wird es zum Beispiel universell einsetzbare Steckverbindungen für Strom geben, die beliebig kombinierbar sind, egal von welchem Hersteller sie stammen“, so Zühlke. Fertigungsanlagen werden aus Modulen zusammengebaut, die flexibel kombinierbar sind. Solche Techniken sind gefragt, damit Unternehmen schnell auf neue Kundenwünsche reagieren können. Das betrifft alle Branchen – von der Automobilindustrie über Modeketten bis zum Keksfabrikanten. „Das Konsumverhalten hat sich in den vergangenen Jahren extrem verändert. Der Verbraucher ist nicht mehr bereit, wochen- oder gar monatelang auf seine Ware zu warten“, weiß Zühlke – der schon wieder auf dem Sprung ist, nach Berlin, um dort mit Politikern und Unternehmern über seine Ideen für die Fabrik von morgen zu sprechen. 

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Erstellt
am 13.07.2016 von
Melanie Löw

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