© Patric Kleine
Der Bachlauf vor Gebäude 14
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Bewegtes Leben für Amphibien und Wasserpflanzen

Auf dem Campus gibt es nicht nur Lehre und Forschung, sondern hier ist auch Raum für artenreiches Tier- und Pflanzenleben. Das Team von unispectrum hat Professor Güttinger bei einem Besuch an der Teichanlage begleitet.

Von Unispectrum live • Utta Manes-Korban

Wer zum ersten Mal auf dem Campus zwischen den Gebäuden 13 und 14 unterwegs ist, bleibt erstaunt auf der Treppe zum Eingang der Gebäude stehen, denn hier präsentiert sich ihm ein kleines gartenarchitektonisches Wunderwerk. Aus einer Sandsteinlandschaft entspringt ein schmaler Bach, der über eine Stufe herab in einen Seerosenteich mündet. Immer wieder muss der kleine Wasserlauf Terrassen überspringen. Fünf sind es insgesamt.

Binsen säumen den kleinen Teich. Blätter der Sumpf-Calla und der gelben und blauen Wasserlilie wiegen sich sanft im Wind. Mit ihrem rauen Charme bilden die gestreiften Stängel des Teich-Schachtelhalms die vertikale Komponente.

An diesem kühlen Frühlingsmorgen begleitet uns Professor Dr. Hans Rudolf Güttinger gemeinsam mit den betreuenden Assistentinnen Maren Nothof und Julia Zimmer zu der Teichanlage, um einige der Wasserbewohner aus ihrem Versteck unter Algen und Wasserpflanzen hervorzuholen. „Die Anlage wurde 1997 geschaffen. Das ursprüngliche Konzept hierfür stammt von unserem Präsidenten, Professor Dr. Helmut Schmidt. Denn als er 1995 an der Universität Kaiserslautern zum Professor für Ökologie berufen wurde, benötigte er für seine Untersuchungen Protisten, also einzellige, in Wasser lebende Organismen, um zu analysieren, wie diese auf unterschiedliche Lebensbedingungen reagieren. Hierfür sollten drei Teiche angelegt werden: ein Kaltteich, ein ‚Normalteich‘ unter natürlichen Außentemperaturverläufen und ein Warmteich, der mit Hilfe von Solarzellen im Winter aufgeheizt wurde“, erläutert Professor Güttinger.

Die Anlage wurde 1997 geschaffen. Das ursprüngliche Konzept hierfür stammt von unserem Präsidenten, Professor Dr. Helmut Schmidt.

Professor Dr. Hans Rudolf Güttinger

Mit großer Begeisterung befassten sich damals das Staatsbauamt Kaiserslautern und Professor Dr. Robert Beckmann vom Fachbereich Architektur/Raum- und Umweltplanung mit der Ausarbeitung des ökologischen Versuchsfelds. Gemeinsam mit den Gartenplanern entwickelten sie nicht nur die gewünschte Forschungsanlage mit den drei Teichen, sondern unter ihrer Feder wuchs die Idee eines kleinen Bachlaufs in einer Sandsteinlandschaft. Das hierfür benötigte Wasser sammelte man als Regenwasser vom Dach des Gebäudes 14 in einer großen Zisterne unter dem Parkplatz vor dem Gebäude. Eine Pumpe ermöglicht, auch in trockenen Sommermonaten, den Bachlauf zu speisen. „Professor Beckmann setzte sich besonders für eine Trockenmauer mit lokalem Buntsandstein ein“, erinnert sich Güttinger. „Glücklicherweise wurde zu diesem Zeitpunkt gerade der Schlachthof in Kaiserslautern abgerissen und lieferte der Universität die für das Projekt benötigten Sandsteine. Im Wintersemester 1998/99 fertigten in einem Spezialpraktikum schließlich elf Studenten bei Professor Beckmann und Professor Dr. Jürgen Kusch für die Abteilung Ökologie die Trockenmauer. Die Sandsteinmauer wurde in lockerer Bauweise vor die Betonwand gesetzt, um Lebensraum für Flora und Fauna zu bieten. „Kaum vorzustellen, dass der Eingang zu Bau 14 früher, genau wie bei den übrigen Gebäuden, nur mit kahlen Betonwänden versehen war“, schmunzelt der emeritierte Professor.

„Im Frühjahr sind die offenen Wasserstellen sehr attraktiv“, erklärt uns Julia Zimmer, „denn sie bieten Raum für ein artenreiches Tierleben.“ Bewaffnet mit einem Kescher und zwei Glasschalen begleiten uns die beiden Betreuerinnen des Ökologiekurses zu den drei Teichen unterhalb des Wasserlaufs. In den feuchten Steinspalten der Sandsteinschlucht entdecken wir heimische Flechte, Moose und Farne.

Mit geschickter Bewegung ziehen die Fachfrauen den Kescher durch den ersten Teich. Schon tummeln sich zwei Molche im Netz. „Das sind zwei ausgewachsene Teichmolche“, sagt Maren Nothof begeistert. „Molche spielen in der Entwicklung der Biologie eine große Rolle. Daher sind sie besonders für Beobachtungen und Experimente unserer Studierenden geeignet – und das nur wenige Schritte vom Hörsaal entfernt!“, freut sie sich. „Molche gehören zu den Schwanzlurchen, einer Ordnung der Amphibien. Im Frühjahr und Frühsommer leben die kleinen Tiere in stehenden Gewässern, pflanzen sich hier fort und verbringen auch ihre Larvenentwicklung im Teich. Danach steigen sie aus dem Wasser aus und verbringen das verbleibende Jahr an Land. Da sie eine nackte, drüsenreiche Haut besitzen, können sie aber nur feuchte Lebensräume besiedeln“, so die Betreuerin.

„Hier haben wir einen Teichmolch in Frühjahrstracht“, erzählt Julia Zimmer weiter und zeigt uns den kleinen Schwanzlurch. „Sehen Sie seinen orange leuchtenden Bauch! Damit lockt er in der Balzzeit die Weibchen an“, berichtet sie. „Erwachsene Molche verfügen über zwei Atmungsmöglichkeiten“, erklärt die junge Frau, „die Hautatmung, die auch im Wasser funktionsfähig ist, und die Lungenatmung.“

Erneut gleitet der Kescher durch das Wasser. Ein zierlicher Fadenmolch, mit gelb-braun gefärbter Haut kommt zum Vorschein. Bei dem charakteristischen fadenförmigen Schwanzfortsatz des Männchens handelt es sich um die Wassertracht.

Auch die dritte, in den Teichen ansässige Molchart, bekommen wir an diesem Morgen zu Gesicht. Es ist der Bergmolch, der sich zusammen mit zwei Libellenlarven im Kescher verfangen hat. Dieses Exemplar ist ungefähr elf Zentimeter lang und weist eine intensiv gelborange bis rot gefärbte Bauchseite auf. Während der Paarungszeit verfügen die Männchen über eine blaue Rückenfärbung. Julia Zimmer hält mir den Kescher hin, in dem noch eine Libellenlarve liegt. „Sie können sie ruhig anfassen, sie sticht nicht“, ermutigt sie mich. Vorsichtig, mit spitzen Fingern, befördere ich eine große Larve aus dem Netz. Sie sieht gefährlich aus mit ihrem spitzzulaufenden Hinterleib und der Fangmaske. „Libellenlarven sind interessante Kleintiere: Sie atmen über Darmkiemen und müssen sich im Laufe ihres Lebens bis zu dreizehn Mal häuten, damit sich ihr Chitinpanzer dem Wachstum anpassen kann“, erklärt die Betreuerin.

In Schalen mit Teichwasser werden die Molche nun in den Kursraum des benachbarten Gebäudes 13 gebracht und dort den Studierenden lebend gezeigt und erläutert. Bereits fünfzehn Minuten später werden die gefangenen Tiere wieder vorsichtig in den Teich zurückgesetzt.

Wie wichtig dieser künstlich geschaffene Lebensraum für die Studierenden der TUK ist, können wir nach der Begehung nur erahnen. Die Anlage gilt es intensiv und sorgsam zu pflegen und nicht die dort ansässigen Pflanzen etwa durch einen lieblosen Schnitt zu schädigen. Das Wasser – in der Gegend um Kaiserslautern sehr rar – bietet beinahe unerschöpfliche Möglichkeiten für beeindruckende Beobachtungen. Wasser ist Leben – dies können unsere Studierenden dank der großartigen Umsetzung des ursprünglichen Konzepts von Professor Helmut Schmidt vor allem im Frühjahr hautnah erleben.

Bild des Benutzers Melanie Löw
Erstellt
am 24.05.2018 von
Melanie Löw

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