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Natur und Nahrungsmittel wieder schätzen lernen
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Student macht biologische Vielfalt erlebbar

Norman Rollwa studiert Biologie und Chemie an der TU Kaiserslautern mit dem Ziel, Gymnasiallehrer zu werden. Auch in seiner Freizeit ist er naturwissenschaftlich aktiv, indem er alte Sorten Getreide, Obst und Gemüse anbaut und erforscht. Von blauer Gerste bis hin zu stacheligen Auberginen: Wer seine Versuchsparzellen in der Südwestpfalz besucht, sieht mit eigenen Augen, dass sich auch „vergessene“ oder hierzulande bislang unbekannte Kulturpflanzen bei uns wohlfühlen und für Abwechslung im Nahrungsmittelmix sorgen können. Für Rollwa ist das mehr ein Hobby – er hat sich der Aufklärungsarbeit verschrieben, um ein Bewusstsein zu schaffen, wie wertvoll biologische Vielfalt auf dem Acker ist.

Von Unispectrum live • Julia Reichelt

„In Japan sind Mönche dafür zuständig, einige der dort kultivierten Auberginen zu vermehren und für ihren Fortbestand zu sorgen“, erläutert Norman Rollwa. Damit unterstreicht er die Bedeutung, die biologische Vielfalt in anderen Teilen der Welt erfährt. Neben Auberginen genießt auch der Reis einen hohen Stellenwert in Asien, sei es kulturell, kulinarisch oder historisch. Doch nicht nur im Fernen Osten, auch in anderen Teilen der Welt haben die Menschen im Laufe der Geschichte – angepasst an Region und Klima – ein breites Spektrum an Kulturpflanzen erschaffen.

Alte Sorten lösen neue Herausforderungen

Viele früher in Deutschland heimische Nutzpflanzen sind allerdings in Vergessenheit geraten. Dabei bringen sie entscheidende Vorteile mit. „Alte Sorten sind nicht auf Leistungsfaktoren wie Ertrag hochgezüchtet und auf den massenweisen Gebrauch von Spritzmitteln und Mineraldünger angewiesen. Sie bringen stattdessen eine hohe genetische Variabilität mit“, fasst der Student zusammen. „Sprich, es gibt Pflanzensorten mit ernährungsphysiologisch wertvollen Inhaltsstoffen, Sorten, die gut mit nährstoffarmen Böden klarkommen oder Sorten, die sich gegen bestimmte Schädlinge wehren können. Es ist wie bei den Menschen: Jeder Einzelne von uns bringt seine individuellen Stärken und Erfahrungen in die Gemeinschaft ein. Angesichts der heutigen züchterischen Anforderungen an Kulturpflanzen fallen die alten Sorten allerdings durchs Raster, da sie vergleichsweise zu wenig Ertrag liefern und im Anbau nicht einheitlich sind – zum Beispiel, was die Wuchshöhe betrifft.“

Der Klimawandel stellt jetzt neue Ansprüche an unsere heutigen Nutzpflanzen. Eigenschaften, die alte Landsorten, aber auch traditionelle Sorten aus fernen Ländern bereits in sich tragen, könnten beispielsweise helfen, im Falle einer weiter zunehmenden Trockenheit der Nahrungsmittelknappheit vorzubeugen. Insbesondere auf diese „hidden champions“ im weltweiten Sortenreichtum will Rollwa aufmerksam machen. Das Wissen, das er sich über seine Studienfächer Biologie und Chemie aneignet, hilft ihm, den Zusammenhang zwischen den äußerlich erkennbaren pflanzlichen Merkmalen, den in der Pflanze ablaufenden Stoffwechselreaktionen und dem dafür verantwortlichen genetischen Fingerabdruck zu verstehen und zu nutzen.

Die bunte Vielfalt der Natur für sich sprechen lassen

Um pflanzliche Vielfalt erlebbar zu machen, baut Rollwa jedes Jahr auf seinen Versuchsparzellen im südwestpfälzischen Ludwigswinkel eine Mischung verschiedenster Sorten an. Mit Infotafeln vermittelt er grundlegendes Wissen zum gepflanzten Kulturgut.

Ein echter Hingucker sind die Gemüse- und Getreidesorten, die zum Teil in ungewohnter Erscheinungsform daherkommen. Die blaue Gerste zum Beispiel verdankt ihre Farbe den sogenannten Anthocyanen – sekundären Pflanzeninhaltstoffen, die im Körper eine gesundheitsfördernde Wirkung entfalten. Nebenan wachsen unter anderem eierförmige Auberginen, deren Blätter und Fruchtstiele mit Stacheln bewehrt sind. Im Vergleich zu den bei uns bekannten Sorten schmeckt die asiatische Verwandte intensiver und würziger.

Gedüngt sind die Demonstrationsflächen mit Kaffeesatz und Eierschalen. Wie sich der Anbau auf natürliche Weise optimieren lässt, zeigt Rollwa auch anhand von Pflanzenpartnern, die sich gut ergänzen. Zum Beispiel hat der Student Klee zwischen den Gerstenreihen eingesät: Die Kleepflanzen sind ein guter Stickstofflieferant und halten mit ihren tiefen Wurzeln das Wasser im Boden verfügbar. Außerdem verhindert die Untersaat mögliche Bodenerosion durch Starkregen.

Botschafter für die pflanzliche Artenvielfalt werden

Rollwas Engagement hat sich nicht zuletzt dank zahlreicher Presseartikel herumgesprochen. Mittlerweile besuchen ihn Interessierte aller Altersklassen an den Demonstrationsflächen. Für Kindergartengruppen und Schulklassen bietet er sogar ein praxisnahes Exkursionsprogramm an. „Ich möchte vor allem den Respekt vor der Natur und ein Gefühl dafür vermitteln, wo unsere Nahrungsmittel herkommen und wie vielfältig diese sein können“, sagt der Student. Dank eines Stipendiums der Konrad-Adenauer-Stiftung – die Zusage ist vor Kurzen erfolgt – will er künftig daran arbeiten, die Reichweite seiner Aufklärungsarbeit zu erhöhen und noch mehr Menschen zu erreichen. Didaktisch auf die Weitergabe von Wissen bestens vorbereitet ist er durch das Lehramtsstudium.

Doch woher nimmt der Student die unerschöpfliche Begeisterung für Pflanzensorten und pflanzliche Vielfalt? Auf diese Frage hin verweist er auf seine Kindheit, in der er viel Zeit im Nutzgarten der Großeltern verbracht hat. Schon damals war er fasziniert von den Farben und Formen der Natur. Und aus den Ferien hat er keine touristischen Souvenirs, sondern Pflanzen mitgebracht. Wie zum Beispiel ein Orangebäumchen aus Malta, das als lebendig bleibende Erinnerung bis heute im Familiengarten wächst. 

Bild des Benutzers Julia Reichelt
Erstellt
am 21.08.2020 von
Julia Reichelt