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3. Haaß-Talk auf dem Campus stoß auf großes Interesse
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Über die Risiken der Digitalisierung

Die Risiken digitaler Techniken standen beim 3. Haaß-Talk auf dem Campus im Fokus. Professor Gerd Gigerenzer, Experte für Risikokompetenzen, beleuchtete in seinem Vortrag, welche Gefahren neue Techniken für den Einzelnen, aber auch für die Demokratie mit sich bringen.

Von Unispectrum live

Digitale Techniken sollen uns den Alltag in vielerlei Hinsicht erleichtern. Doch Nutzer werden oft von den Technologien kontrolliert, anstatt diese selbst zu kontrollieren. Experten sprechen in diesem Zusammenhang von der fehlenden digitalen Risikokompetenz. Sie beschreibt die Fähigkeit, die Vorteile digitaler Technik zu nutzen und schädliche Auswirkungen zu meiden. In seinem Vortrag auf dem Kaiserslauterer Campus ging Professor Gigerenzer auf dieses Thema ein und zeigte auf, welche Probleme für die Gesellschaft damit einhergehen können. Gigerenzer ist Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

Zum Auftakt ging er auf das Thema Risikokompetenz im Allgemeinen ein. So ist es dem Professor ein großes Anliegen zu vermitteln, dass es wichtig ist, Wahrscheinlichkeiten und Statistiken richtig interpretieren zu können. Wissen Sie, was genau es heißt, wenn in einer Stadt an einem bestimmten Tag eine Regenwahrscheinlichkeit von 30 Prozent vorhergesagt wird? In einer Umfrage in verschiedenen Großstädten wurden hier viele verschiedene Antworten gegeben: Einige glauben, dass drei von zehn Meteorologen sagen, dass es regnet; Wiederum andere vermuten, dass 30 Prozent der Stadtfläche von Regen betroffen sein könnten. Andere meinen, dass es 30 Prozent der Zeit regnen wird. Richtig ist, dass es an 30 Prozent der Tage regnen wird, für die diese Vorhersage gilt. Anhand dieses einfachen Beispiels verdeutlicht der Professor, wie wichtig es ist, Wahrscheinlichkeiten richtig einordnen zu können. Sein Appell: Die Schulung, solche Daten richtig einzuschätzen, sollte bereits in der Schule beginnen, nicht erst im Studium oder etwa gar nicht. Erschreckenderweise hat seine Forschung auch aufgedeckt, dass sogar viele Ärzte nicht in der Lage sind, Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Krankheiten richtig zu interpretieren.

Im Anschluss spricht Professor Gigerenzer über die Risiken, die mit Daten, die wir im Internet Preis geben, verbunden sind, um unser Verhalten zu beeinflussen. Fachleute sprechen hierbei von „Big Nudging“. Befürworter dieser Methode argumentieren, dass der Mensch nicht optimal entscheidet und dies eine Hilfestellung wäre. Allerdings wird der Mensch nicht bewusst informiert oder überzeugt, sondern im Grunde genommen unbewusst ausgetrickst. Solche Techniken, warnt der Experte, können in Zukunft auch die Demokratie ins Wanken bringen. China führt zum Beispiel gerade ein „soziales Kreditsystem“ ein, in dem Bonuspunkte für „gute“ Handlungen und Maluspunkte für „unerwünschte“ Handlungen vergeben werden. Diese Punktevergabe beruht auf „Big Data“, also Daten, die der Internetuser selbst online zur Verfügung stellt. Der gläserne Mensch, wie er in China eingeführt werden soll, wird also belohnt, überwacht und erzogen. Gigerenzer ruft daher die Gesellschaft auf, solche Themen nicht einfach stillschweigend hinzunehmen, sondern zumindest eine aktive Diskussion zu führen. Er appelliert hier an die Verantwortung, die die Gesellschaft in einer Demokratie trägt.

Der Haaß-Talk ist eine Veranstaltungsreihe der Haaß-Stiftung, die dieses Jahr zum dritten Mal stattgefunden hat. Der Vortrag ist auf großen Anklang gestoßen, die Rotunde war bis auf den letzten Platz besetzt. Interessierte Zuhörer sind dem Vortrag sogar stehend gefolgt. Auch die Hochschulleitung war durch den Präsidenten Professor Helmut J. Schmidt und den Kanzler Stefan Lorenz vertreten.
 „Wir erhoffen uns, diese Veranstaltungsreihe über die Jahre etablieren zu können, und das große Interesse in diesem Jahr zeigt, dass das Konzept funktioniert“, sagt Juniorprofessorin Anja Danner-Schröder, die sowohl Vorstandsmitglied der Haaß-Stiftung ist als auch den diesjährigen Talk organisiert hat.

Die Ursula und Dieter Haaß-Stiftung hat das Ziel, die Fachbereiche Sozial- und Wirtschaftswissenschaften zu fördern. Im Rahmen des Haaß-Talks wird jedes Jahr ein Gastredner eingeladen, der sowohl zu einem aktuellen Thema referiert als auch interdisziplinär aufgestellt ist. Beides ist in diesem Jahr hervorragend gelungen, wie Juniorprofessorin Danner-Schröder in ihrer Willkommensrede erläutert. So ist Professor Gigerenzer von Hause aus Psychologe, hat aber viele weitere Disziplinen nachhaltig beeinflusst, wie die Ökonomie, Informatik, Mathematik und Biologie.
 

Bild des Benutzers Melanie Löw
Erstellt
am 04.05.2018 von
Melanie Löw
Bild des Benutzers Sophia Schwär

Sophia Schwär

22.06.2018 13:15